Texte und Impressionen

Über Schamanen

Dienstag, 07. August 2012 - 18:00 Uhr

In der persönlichen Begegnung mit dem Schamanentum der Aymara im bolivianischen Hochland und bei anderen Gelegenheiten ist in mir eine tiefe Sehnsucht berührt, "altvertrautes vergessenes" wieder erwacht, lebendig geworden und bestätigt worden und mir ist die nachhaltige und bis heute wirksame Erfahrung geschenkt worden, daß etwas in mir heilen durfte, auf eine völlig unspektakuläre Weise. Diese Erfahrung hat mich Wege suchen lassen, ob und wie die Essenz des Schamanismus - ohne seine jeweilige folkloristische, historische und kulturelle Erscheinungsform in heutige Therapieformen integriert werden kann.  Das "spielen" mit Klang, Stimme, Körper und Trance bietet einen Weg, die ursprünglich schamanische Heilweise für uns moderne Menschen "nutzbar" zu machen, ohne das wir deswegen "Schamanen" wären. Ich glaube nicht, daß wir westlich "zivilisiert" lebenden Menschen in dem Sinne Schamane sein können, wie dies für einen Aymara des Anden Hochlandes oder für ein Mitglied einer indigenen Gemeinschaft am Amazonas gilt.  Darüber hinaus ist meine Erfahrung, daß die schamanische Energie - Kraft, der Geist - eine Kraft in jedem Menschen ist. Es ist offen, inwieweit wir mit dieser Potenz in uns in Kontakt gehen, uns für sie öffnen. Sie begegnet uns in Träumen, in Naturbegegnungen, in besonderen, "seltsamen" Augenblicken, in denen etwas geschieht was uns tief berührt, uns außerhalb unserer vertrauten Logik und unserer Alltagserfahrung stellt, uns einen Sinn oder eine tiefe Bedeutung eröffnet, etwas in uns heilt, ohne daß wir es "gemacht" haben. Es geschieht, wenn wir uns dafür öffnen und es geschehen lassen.

Was Schamanismus und Schamanen, Schamaninnen heute in einer modernen Weise sind, habe ich in einer mich sehr ansprechende Weise bei Galsan Tschinag, dem tuwinischen Dichter, Schamanen und Heiler gefunden:

"Der Schamane kann denken und weiß, da das ganze All über einen Körper, einen Geist und eine Seele verfügt, muß folglich ein jeder Splitter ebenso von ihm bekörpert, beseelt und begeistert sein. Er weiß es nicht nur, er verbreitet dieses Wissen weiter. Und er arbeitet damit: alles ist eins.
Nun, es gibt unterschiedliche Schamanen. Mächtige und weniger mächtige. Mäßige und gierige. Gütige und boshafte. Überdrehte und bescheiden Gebliebene. So, wie Menschen eben sind. Denn, wie der jeweilige Schamane auch beschaffen sei, er ist ja schließlich ein blut- und kotechter Mensch, und kein bisschen übermenschliches Wesen....()  die Wahrheit, daß in jedem Kind ein Sänger oder auch Maler steckt, hat auch eine andere Seite - nicht in jedem steckt gleich ein Pavarotti oder ein Rembrandt. (...)"

"... Denn Schamane sein heißt vor allem wahrzunehmen. Wahrzunehmen das, was im Raum ist, liegt, steht, umhergeht und  -weht. Was dort ankommt, ebenso, was ihm entgeht. zur Wahrnehmung gehören Fühler, Antennen im Sprachverständnis des technischen Zeitalters. Eigentlich verfügt jeder Mensch, jedes Lebewesen über eigene Fühler. (...)"

"Wen alles an bekannten Schamaninnen und Schamanen hat es in der Vergangenheit gegeben? Buddha, Jesus, Hildegard von Bingen, Jeanne d'Arc, Newton, Rembrandt, Goethe, Mozart, Beethoven, Einstein, Mutter Theresa,... Es sind ihrer viele. Nur keiner hat sie so bezeichnet, und die Geschichtsschreiber haben sie unter anderen Benennungen katalogisiert. Das liegt an dem irreführenden, gezierten Namen Schamane, erstmalig benützt von einem jener europäischen Weltenstromer, dem Vorboten des Kolonialismus, geschickt gegen Bezahlung in ferne Ecken der Erdkugel. Später wurde jenes halbgehörte und nie verstandene Unwort immer wieder aufgegriffen. (...) Die Wahrheit sieht ungeschminkt einfacher aus. Die als Schamane bezeichneten sind von Geburt an herausragend Begabte, später von Lehrern ausgebildete und zum Schluss von der öffentlichkeit anerkannte Lebenskünstler, deren Grundphilosophie sich auf die Einheit des Alls richtet."

(Die Frage wer Schamane sei, Anm. H.S.)  "ließe sich ... noch einmal beantworten...: Einer, der seine natürliche Begabung zu einer Vision zu bündeln und dieser dann so lange und so beharrlich nachzugehen weiß, bis er eines Tages auf einem steilen Gipfel steht, von dem aus kein Weg mehr weiterführt. Nun darf man die Vision entschlüsseln. Man hat seinen eigenen Gipfel erspäht, erkannt und erstiegen. Also hat man aus dem eigenen Leben das Bestmögliche gemacht."
(Quelle: In der Mitte ein Feuer. Hg. Gernot Gleiss. Text: Galsan Tchinag. Verl. GZ. Klagenfurt 2012)


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Heinz Sondermann
Therapie-Supervision-Coaching
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