Texte und Impressionen

Initiationsprozesse in der Psychotherapie

Mittwoch, 02. November 2011 - 19:50 Uhr

Das „entwicklungsdynamische Modell“ der „Vier Schilde“ geht auf den amerikanischen Anthropologen und Psychologen Steven Foster und seine Frau Meredith Little zurück[1]. Es stellt die Entwicklung menschlicher Individuation in den Kontext des Kreislaufs der vier Jahreszeiten (der nördlichen Breitengrade). In diesem Kontext nimmt es die Tradition überlieferter Initiationsrituale auf.

Initiation als ritualisierter Schritt des jungen Mädchens oder Mannes in den Status eines erwachsenen Mitgliedes der Gemeinschaft und der damit vor allem auch verbundenen Verantwortung. Es ist der Schritt vom Sommer, der Zeit der ewigen Gegenwart, durch die Dunkelheit des Herbstes, in die Klarheit des Winters. Das Kind stirbt in die Verpuppung der Pubertät und die Frau, der Mann betritt die Bühne. Die Zeit der Erinnerung des Fühlens und Zweifelns. Der Frage nach dem „Wer bin ich“?  Entscheidend ist, das es dabei nicht nur um ein äußerliches Zeichen der Integration geht, sondern dass in der Initiation ein wichtiger innerer Wachstums- und Entwicklungsprozeß durch die Gemeinschaft unterstützt und begleitet wird, der für eine gelingende Lösung aus dem Kind/Jugendlichen Status und die Übernahme der Erwachsenenrolle von tragender Bedeutung ist. Der zweite große Übergang in unserer Entwicklung ist der Übergang vom Winter in den Frühling, der Erwachsene Mann, die Frau verlassen den Winter, den Platz der „Fürsorge“ und nähern sich dem Kreis der Ältesten. Die Endlichkeit des Menschlichen Lebens, der Tod, scheint am Horizont auf. Gleichzeitig hat die Frau, der Mann alle Jahreszeiten durchschritten. Alle Qualitäten des Jahreskreises sind in ihr vereint und können sich jederzeit in ihrem konkreten Alltag manifestieren. Sie weiß, was Leben ist. Der Jahreskreislauf ist der äußere Spiegel, in dem diese inneren Entwicklungsprozesse erlebbar, sichtbar und verständlich werden. Das  „moderne“ Initiationsmodell von Steven Foster und Meredith Little versucht, die Kultur und Zeit übergreifende Essenz verschiedener ursprünglicher Initiationswege für unsere Lebensverhältnisse und den sich daraus ergebenden Anforderungen aufzunehmen. Sie integrieren in den „Vier Schilden“ sowohl die Essenz schamanischer (indianischer) Kulturen, der griechischen Tradition, moderner Mythen-Forschung und der Psychologie C.G. Jungs (Heldenreise). Das „Vier Schilde“ Modell hat den Anspruch, die Zeit- und Kulturunabhängigen Kernelemente von Initiationsritualen in einem Initiationsweg zu vereinigen, der für moderne Menschen unserer Zeit nachvollziehbaren und wirkungsvoll ist. Diesen Anspruch haben sie in der „School of Lost Borders“ in der Begleitung junger und erwachsener Menschen durch dieses Initiationsritual eingelöst. So ist das entwicklungs-psychologische Modell der „Vier Schilde“ - oder vielleicht besser der vier Grund-Entwicklungskräfte der Seele- nicht nur Ergebnis theoretischer und historischer Forschung sondern vor allem auch der beständigen Erprobung und Auseinandersetzung in der Praxis.

 

Durch persönliche Begegnungen  mit indianischer Kultur (Lakota/Nordamerika und die andine Aymara Kultur in Bolivien) und in dem Visionssuche Ritual der „School of lost borders“ durfte ich die Kraft dieses Rituals erfahren. Darüberhinaus habe ich in unterschiedlichen Gruppen- und Einzelsettings mit dem „Vier Schilde Kreis“  und dem „Bild“ dieser Entwicklungsstadien und –kräfte, wie ich sie hier in einer konzentrierten Fassung vorstellen möchte, Erfahrungen sammeln können. Sie sind für mich ein Kompaß geworden für die Reise ins „Innere“ Universum, der hilft die eigenen Erfahrungen tiefer zu verstehen. Ein Kompaß der offen und dynamisch ist und nicht ein Kanon fest abrufbaren Wissens. Die Kraft und Tiefe dieser Arbeit im Rahmen unterschiedlicher therapeutischer oder wachstumsorientierter Settings haben immer wieder die Teilnehmer und auch mich selbst nachhaltig berührt.

 

Die Mitte

 

Der Kreis umschließt die Mitte. Der Kreis ist nur der Rand, die Grenze, die Außenseite. Der sichtbare Teil. Was verbirgt sich in der Mitte? Die Mitte ist leer ,- und doch ist sie das Kraftzentrum, ohne das jeder Kreis in sich zusammenfällt. Der Kreis gibt dem Zentrum, der Kraft, der Energie, der Leere, dem Geheimnis eine Form. Er ist die äußere Erscheinung. Das Wesentliche, das Wesen vebirgt sich in der Mitte, im Ursprung und Grund. Der Kreislauf, das Rad des Lebens, die äußere, sichtbare Form, hat seinen Grund und Ursprung im Geheimnis und der Kraft der Mitte. Der Kreis der Jahreszeiten ist in vielen Kulturen der nördlichen Erdhalbkugel mit dem Wechsel von Frühling, Sommer, Herbst, Winter und Frühling,... Bild und Symbol des menschlichen Lebens. In der Harmonie dieses Kreises verbirgt sich für die Lakota Indianer „Wakan Tanka“, das „Große Geheimnis“. Alles was ist, was wir sehen, hören, riechen, was wir anfassen und alles was darüber hinausgeht, das „Ganz Andere“, was unsere Sinne nicht erfassen können auch nicht durch die  Zuhilfenahme irgendwelcher Meßinstrumente, ist Teil und Ausdruck dieses Geheimnisses. Wir selbst sind Teil des „Großen Geheimnis“ das unser Ursprung und Grund ist. Leere und Fülle zugleich, das ist die Mitte.[2]

 

Wir treten in den Kreislauf des Lebens ein, wenn Ei und Samenzelle sich verbinden. Ab da beginnt der sichtbare, äußere Teil unseres Lebens, unserer Entwicklung. Was davor ist, bevor Ei und Samenzelle sich verbinden bleibt verborgen für unsere „Alltagswahrnehmung“, unsere Sinne, nicht messbar und nicht nachweisbar, ein Geheimnis. Aus diesem Geheimnis heraus treten wir in den äußeren Kreis des Lebens, in den Kreislauf der „Jahreszeiten“. In ihm „entwickelt“ sich unser Leben.

 

 

 

Frühling

 

Der Frühling (Osten) ist Schöpfung, Creation, Geburt, Beginn, Neuanfang, Wiederanfang. In ihm beginnt sich das Leben zu entfalten. Ent-wicklung und Ent-faltung der Knospe zum Blatt Es ist das noch unbeschrieben Blatt. Die Linien und Zeichen, die Geschichten des Lebens sind noch nicht geschrieben. Die Farben und Formen sind noch unvermischt, zart, sanft und trotzdem schon in klaren und leuchtenden Kraft da. Die äußere Form nimmt allmählich immer mehr Gestalt an, zeigt sich, bietet sich den Sinnen an als Blütenschnee und süßer Duft.

 

 

Sommer

 

Der Sommer (Süden) offenbart die Fülle des Lebens. Alles ist im Überfluss da. Leben zeigt sich in seiner prallen, hungrigen, verschlingenden und satten Form. Ungezügeltes Dasein von Farben, Klängen, Berührung, aneinander und ineinander. Es ist die pure Lebenslust und Lebensgier. Der Augenblick der Sinne und der ungezügelten Sinnlichkeit - nehmen, zupacken, fressen und gefressen werden. Er ist jetzt und hier, Gegenwart ohne Vergangenheit und Zukunft, der Moment des Spiels, des Gesangs, der Lust und des Verlangens zu berühren, sich zu mischen, zu verschmelzen, zu verschlingen, zu herrschen und zu vernichten. Grenzen lösen sich auf, verschwinden, werden missachtet und überwuchert.

In der menschlichen Entwicklung ist der „Sommer“ die sich herausbildende Kraft des „ICH“. Die Zeit des affektgesteuerten Kindes, das „Leben im Augenblick“ der Affekte (Wut, Verlangen, Bedürftigkeit, Angst, Lust,…).

 

 

 

Herbst

 

Herbst (Westen) ist die Zeit der Ernte. Die Frucht des Sommers wird eingebracht. Es ist die Zeit der kürzer werdenden Tage, der Dunkelheit und Nässe, der Stürme und fallenden Blätter, die Zeit des „noch-nicht und doch schon“ vor der Klarheit und Kälte des Winters und dem wieder auftauchenden Licht. Die Zeit des „Hin und Her“, der Wirrnis.

Die Pubertät – Rückzug und Zweifel, Fragen und Dunkelheit, noch Kindheit und doch nicht mehr. Es ist die Zeit der Hoffnung und des Drängens und die Zeit der Angst und des Festhaltens. Eine sensible Zeit, mit soviel Gefühlen, die Auftauchen und den Jungen, das Mädchen durcheinanderwirbeln wie der Herbstwind die Blätter. Zeit des Rückzugs, in der wir die Fähigkeit der Innenschau erwerben. Die Zeit in der der Junge sterben muß, damit der Mann geboren wird. Es ist die erste, noch halb unbewußte Erfahrung des „Ich-Todes“ mit all seinen Ängsten, dem festhalten und der Herausforderung, dem Mut sich zu überlassen. Und damit auch die Zeit der Bewußtwerdung, das da noch etwas anderes ist außerhalb meiner selbst, ein gegenüber, das „DU“.

Eine gefährliche Zeit in allen ursprünglichen Kulturen. Nur wenn die Jungen, Mädchen durch diese Gefahren hindurchgehen, „sterben“ und als Frau,Mann wiedergeboren werden, gibt es genug Erwachsene in der Gemeinschaft, die die Tatkraft, die Klarheit Vernunft und Fähigkeit zur Fürsorge mitbringen, um die Gemeinschaft durch die harte Zeit des Winters zu bringen.

Durch diese Zeit der Wirrnis begleiteten die Ältesten die Jungen und Mädchen hindurch. Sie führten sie, initiierten sie in den Winter hinein, in das Erwachsenenleben. Wenn die Ältesten die Initianden nicht gut vorbereiteten, dann lauerte der Tod in der Wildnis. Das Ritual bot den Schutz und die Kraft für diesen gefährlichen Weg. Heute lauert der Tod in der Depression, dem Suizid („verweigerte Initiation), Sucht, Gewalt etc. (Versuche der „Selbstinitiation (Selbstinitiationsversuche) weil der ritrualisierte Übergang unter der erfahrenen Begleitung fehlt.

 

 

Winter

 

Winter (Norden) mit seiner Kälte, der Klarheit des zunehmenden Lichts, die Zeit des Mangels - . Nur wer im Herbst genügend geerntet und eingefahren hat kommt gut über den Winter. Es ist die Zeit der Stille, die Zeit des „Nötigsten“ – auch in der Natur draußen.

In der menschlichen Entwicklung braucht es jetzt die Fähigkeit der Unterscheidung und Entscheidung, der Vernunft und die Fähigkeit demgemäß zu handeln. Das „Sorgen-für“ kann nur gelingen, wenn das „Ich“ in den Hintergrund treten kann. Aber gleichzeitig lebt in der Frau, im Mann die Lust, die Spontanität des Augenblicks, die Aggression,…. Das ist die Ernte des Sommers (ICH). Und die Fähigkeit zum Rückzug, zur Innenschau, der Mut, sich auf Dunkelheit und Zweifel einzulassen, und die Fähigkeiten zur Begegnung und des Mit-fühlens (DU). Das ist die Frucht des Herbstes. Im Zentrum des Winters steht das „WIR“, die Gemeinschaft.

 

 

Rückkehr in den Osten/Frühling

 

Wenn wir den Kreis so durchlebt haben, dann ist es leichter, nicht die Augen zu verschließen vor dem heraufdämmern des Ostens, der Endlichkeit und des Sterbens. Wir brauchen nicht zu flüchten zurück in den Süden, den großen „Sandkasten Mallorcas“, oder krampfhaft festzuhalten an den Attributen der „Macht“ von Männlichkeit/Weiblichkeit (Winter).

Es wird die Rückkehr möglich zur Anfangskraft, zur „Creation“ (Schöpferkraft des Geistes“, des Spirit’s) auf einer neuen Eben. In dieser Rückkehr kommt das „EINE/GANZE“ zur Entfaltung. Es erfordert das Loslassen und sich hingeben in einer neuen Weise, ohne das ICH/DU/WIR zu verlieren. Der Frühling, Zeit des Wissens um das Ganze (Weisheit).

 

 

 

Initiationsprozesse in der Psychotherapie

Eine These

 

Die „vier Schilde“ beschreiben „Grundkräfte“ seelischer Entwicklung beim Menschen.

In der Initiation wird der Initiand  in einem Übergangsritual begleitet durch die Krise und hineingeführt, über die „Schwelle“ in das „Neue Leben“. . Malidoma Some (Autor und Ältester der Dagara in Burkina Faso) deutet jede Krise, als eine Initiation, die uns tiefer ins Leben hineinführen kann. Älteste, Mentoren sind die Begleiter, die durch diese Krisen hindurchgegangen sind. Die beiden großen Übergänge – vom Herbst in den Winter und vom Winter in den Frühling bedurften in traditionellen Kulturen des begleitenden und unterstützenden Rituals, das uns heute fehlt. Jugendliche „verweigern“ in unserer Kultur diesen Übergang, zumal von Medien, Politik und Pädagogik der Eindruck vermittelt wird es gäbe einen direkten Weg  vom „Sommer in den Winter“ ohne durch die Dunkelheit des Herbstes zu gehen. Und der Winter sei doch nur die Fortsetzung des Sommers, ohne die Beschränkung der Kindheit. Der Preis ist die „Leistung der Anpassung“. „Wenn Du ein erfolgreicher Leistungsträger wirst, und zwar so wie wir ihn uns vorstellen, dann segnen wir Dich mit einem tollen Job, Kreditkarten, Handys, einem schönen Körper, Gesundheit, ewiger Jugend… Aber frage nicht danach wer Du bist, und was Leben eigentlich ist!

Und wenn Du so gelebt hast, dann winkt Dir der Sandkasten Mallorcas… !“ – oder die Depression, wenn Du als Rentner nicht einfach nur zurück willst in die Spielhosen der Kindheit.

So können nichtvollzogene, steckengebliebene oder verweigerte Initiationsprozesse die Grundfärbung oder –melodie  in therapeutischen Prozessen abgeben. Auf dem Hintergrund oder Untergrund dieser Färbung oder Melodie gestalten sich Beziehungs- und Verhaltensmuster, neurotische Konflikte…  Gleichzeitig können Beziehungserfahrungen und Konflikte Initiationsprozesse (Wachstum und  Entwicklung) verhindern.

Unter Umständen kann die „Inszenierung eines Initiationsprozesses“ im therapeutischen Kontext (oder ein Initiationsritual)  die Kraft freisetzen Entwicklungsblockaden zu lösen.Der Therapeut muß dann in sich dem Mentor/Ältesten Raum geben (nicht Vater oder Mutter!) Der wieder in Gang gekommene Entwicklungsprozeß bietet die Chance, die Energie, den Raum (er macht Mut) die ungelösten Konflikte etc. anzunehmen.

 

 

 

 

 



[1] Foster, Steven, Little, Meredith: Die Vier Schilde. Initiation durch die Jahreszeiten der menschlichen Natur. Arun Verlag, 2000

[2] S.Negative Theologie


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Heinz Sondermann
Therapie-Supervision-Coaching
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