Texte und Impressionen

Spiritualität in der Psychotherapie

Samstag, 24. September 2011 - 18:02 Uhr

Was  sich hinter dem Wort Spiritualität verbirgt ist so farbig und unterschiedlich, wie es Unterschiede zwischen Menschen gibt. Und trotzdem ist es wichtig, wenn wir nicht in der Beliebigkeit versanden wollen,  sich über die Bedeutung des Begriffes, wie wir ihn gebrauchen zu verständigen.
 Ein Versuch: Spiritualität, der Geist – der „Spirit“ – lat. Spiritus, der Hl. Geist, die schöpferische, lebendig machende Kraft, die„Ruach“[1] (der Hauch Gottes) die in der Schöpfungsgeschichte über den Wassern brütet und den Kosmos gebiert, der Atem Gottes, den Gott dem Adam einbläst und ihn damit zum Leben erweckt. Das sind Bilder der Bibel für diese Wirkkraft, für die wir auch in anderen religiösen Traditionen Entsprechungen finden können. Prana, im Sanskrit: Atem, Lebenskraft, die nicht ‚diesem Menschengehört‘, so wie sein Herz, sein Kopf, u.u., sondern die er teilt mit allem was lebt, und von der er ein Teil ist, IHR‘ angehört – in einem mystischen Sinn. Und dieser schöpferischen Lebens- Kraft begegnen wir immer wieder in der Begleitung von Menschen. Wir können diese Kraft ignorieren, und damit einen existentiellen Teil der Lebenswirklichkeit der Menschen die Unterstützung und Begleitung  suchen ausblenden, oder wir können uns dieser „creativen“/schöpferischen Wirklichkeit bewusst sein und uns damit einer Dimension öffnen, aus der, ohne das wir es „machen“ oder kontrollieren können, Heilung geschieht.

Für dieses „Heil sein“ finden sich auch in der jüdisch/christlichen Tradition viele Bilder, die sich im hebräischen ‚Schalom‘ aussprechen:  gemeint ist „die Fülle des Lebens“,: der Friede Gottes, der Gerechtigkeit, Heil sein, Ganz sein umfasst, das Lebendig sein und werden mit allen Sinnen, jeder Faser und Zelle unseres Leibes und mit allen Empfindungen und Gefühlen. Die Erfahrung von Lebendig sein und Ganz werden, um die es im Kern jeder Psychotherapie und auch einem tieferen, umfassenden Verständnis von Counseling geht.

Spiritualität ist auch nicht zu verwechseln mit Religion. Sie Überschreitet die Grenzen der verfassten Religion und die Grenzen der Kultur (der Geist weht wo er will). Wir finden sie in der christlichen Mystik, im Buddhismus, Hinduismus, islamischen Sufismus wie in schamanischen Kulturen und in der modernen kritischen Mystik eines Krishnamurti.

 

Die konkrete Erfahrung spiritueller Dimension im Counseling ist ebenso vielfältig, wie die Menschen die in die Beratung kommen. Ein Mann, Mitte Fünfzig, erfolgreich in seinem Beruf, verheiratet und zwei heranwachsende Kinder… : „Eigentlich, ist alles so wie es sein sollte…“. Und doch fehlt etwas. Seine Eltern waren Religiös desinteressiert bis ablehnend gegenüber jeglicher Religion und religiöser Praxis. Er hat sich in seinem Leben bisher „keine Gedanken gemacht um Religion, Gott und all diesen Kram“. Jetzt spürt er eine „diffuse  Leere“ in sich und seinem Leben, eine Unzufriedenheit, die ihn Unruhig werden läßt, ihn Nachts nicht schlafen läßt und ihm dann „Angst macht“. In unserer Arbeit wird durch das Thema Beziehung, die Fragen nach Vertrauen, sich einlassen, Hingabe, immer bedeutsamer. „Woran spüre ich, daß meine Beziehungen lebendig sind und erfüllt?2) Was ist mir Wichtig, erfüllt mich mit Sinn, ist Sinnvoll? Was will ich noch in meinem Leben, was bleibt, wenn von mir nichts mehr bleibt…-?“ Immer drängender wurden diese Fragen. ‚Antworten‘ darauf findet er im Schweigen, daß immer häufiger entsteht zwischen uns, gefühlte Antworten, die sich oft erst in den nachfolgenden Sitzungen verbalisieren lassen. Und Antworten findet er in der klanggeleiteten schamanischen Trance  mit dem Monochord, dem Gong oder der Schamanentrommel, die ihn in Erfahrungsräume führen (der Schamane würde sagen „andere Welten“) die sprachlich und in unserem alltäglichen Bewußtsein nicht zu erreichen sind.

Eine Frau kommt mit einem Burn Out. Sie ist geschieden und hat zwei kleine Kinder aus dieser Ehe. Sie lebt mit dem jetzigen Partner und dessen zwei Kindern zusammen. Die Scheidung steht noch immer zwischen ihr und ihrem jetzigen Partner, läßt sie nicht ganz frei sein. Obwohl die Beziehung über die Grenzen der Belastbarkeit beider Ehepartner ging, schafft sie es lange nicht sich zu lösen. Ihre kath. Erziehung und das kirchliche Eheverständnis verursachen ihr heftige Schuldgefühle. Schuldgefühle gegenüber ihrem Mann, ihm das „Eheversprechen“ gebrochen zu haben, damit in einem „Zustand der Sünde“, des Verrates, der Trennung von Gott zu sein; ebenso quälen sie Schuldgefühle gegenüber ihren Eltern und der Ursprungsfamilie. Ein Gefühl , das sie manchmal überkommt, ihr Leben grundsätzlich „verwirkt“ zu haben, verloren zu sein, eine Quelle tiefer Angst und Panik, die sie immer wieder überfällt, nicht zur Ruhe kommen und nicht schlafen läßt. Das ganze wird verstärkt durch die gelebte Doppelmoral des Vaters, der selbst immer wieder Beziehungen zu anderen Frauen hatte, und unter dessen Strenge und Leistungsanforderungen sie zu leiden hatte.

In ihrer Geschichte sind die traumatisierende Beziehung zum Vater (Gott/Vater), die enge kirchlich/familiäre Moral und Doppelmoral, ihre aktuellen Beziehungskonflikte und berufliche Konflikte (Wert/Moral) zu einem scheinbar unentwirrbaren Knoten verstrickt. In unserer Arbeit geht es darum, diese Verstrickungen zu lösen, das destruktive Gottesbild, das sich im Vater-Introjekt verbirgt, ins Bewußtsein zu holen, und über die Auseinandersetzung mit dem Vater und die hinwendung zur Mutter, die Möglichkeit zu schaffen für ein heilendes "mütterliches" Gottesbild, eine lebendige und nicht dogmatische Spiritualität und damit auch die Möglichkeit zur lebendigen und offenen Begegnung mit ihrem Partner.

 

Immer wieder tauchen religiöse Wert- und Sinnkonflikte und spirituelle Fragestellungen auch im Kontext von Supervision und Coaching auf. In der Arbeit hilft mir hier die Unterscheidung der Ebenen: die ‚pragmatische‘ Ebene, auf der es um die Entwicklung der eigenen Proffessionalität geht, die biografische Eben die es ermöglicht Verhaltens-, Beziehungs- und Konfliktmuster zu bearbeiten, die sich im professionellen Kontext reinszenieren; die Spirituelle Ebene auf der es um Ethische Haltungen und Wertkonflikte geht, die Frage nach Sinn und Bedeutung, die Suche nach dem richtigen Platz im Leben, der eigenen ‚Lebensaufgabe‘ und ‚Wesensentwicklung‘.

 

Die Arbeit in Gruppen bildet einen wunderbaren Resonanzboden für spirituelle Erfahrung und Reflexion. Sie kann hier ihre heilsame Wirkung in besonderer Weise entfalten. Hier arbeite ich neben bibliodramatischer Inszenierung besonders gern mit Rhythmus und Klang (schamanischer Trance) und Heil Ritualen. Die Einbeziehung und Arbeit in der Natur , die achtsame und vertiefte Begegnung mit den Elementen – Wasser, Erde, Feuer, Luft, mit den Pflanzen und Jahreszeiten ist ebenso ein kraftvolles Medium unmittelbarer spiritueller Erfahrung.

 

Ich erlebe diese Arbeit für mich selbst als bereichernd und heilsam. Das was in ihr immer wieder geschieht, sich zwischen allen beteiligten ereignet finde ich in diesem Navajo Gebet ausgedrückt: Schönheit umgibt uns; Schönheit ist Deine Seele; in Schönheit gehen wir unseren Weg.



2) vgl. M.Buber. Buber geht es um die beiden Möglichkeiten von Beziehung:‘Ich-Es‘ eine Subjekt-Objekt Beziehung, die von Trennung gekennzeichnet ist und die ‚Ich-Du‘ Beziehung. In beiden geht es um die Qualität des ‚Dazwischen‘, das was sich zwischen(dialogisch) den Polen ereignet. Im ‚Ich-Du‘ begegnen sich beide Personen in einem ‚offenen Zwischenraum‘ in dem sich die trennende Kluft schließt und jeder dem anderen so Nahe ist wie sich selbst. Damit ist nicht Konfluenz  oder andere Formen pathologischer Verschmelzung gemeint.

Vgl. ebenso zur „Dialogischen Ich-Du Erfahrung“ und der Grunderfahrung von Zweiheit/Vielheit in der Einheit und der Erfahrung von Getrennt-Sein den Johanes Prolog: Einheitsübersetzung NT Joh., 1.1-18

[1] Schöpfungsbericht AT, Genesis 1.1-2


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Heinz Sondermann
Therapie-Supervision-Coaching
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